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    „Yellowstone“: Kevin Costner als mürrischer Großrancher in räudigem Neowestern

    Drama von Star-Autor Taylor Sheridan zwischen eindimensionaler Familien-Soap und grimmiger Gewaltoper

    "Yellowstone": Kevin Costner als mürrischer Großrancher in räudigem Neowestern – Drama von Star-Autor Taylor Sheridan zwischen eindimensionaler Familien-Soap und grimmiger Gewaltoper – Bild: Paramount Network
    Kevin Costner in „Yellowstone“

    Taylor Sheridan gehört zu den meistgehypten Filmautoren der letzten Jahre – und das nicht zu Unrecht: Er schrieb nach seinem Durchbruch mit „Sicario“ die preisgekrönten Thriller „Hell or High Water“ und „Wind River“, die dorthin schauten, wo Hollywood sonst fast nie hinblickt: ins US-Hinterland der Erniedrigten und Beleidigten, der Abgehängten und Indianerreservate. Die Erwartungen waren deshalb hoch, wahrscheinlich unerfüllbar hoch, als bekannt wurde, dass Sheridan eine selbst geschriebene Neowestern-Dramaserie entwickelte: zehn Folgen unter eigener Regie für den Kabelsender „Paramount Network“ (früher „Spike“). Als Co-Creator wirkt überdies John Linson, der Produzent der Bikerserie „Sons of Anarchy“, in deren ersten Staffeln Ex-Schauspieler Sheridan seine bis dato letzten Auftritte vor der Kamera absolvierte. Als Hauptdarsteller und Zugpferd heuerten sie Kevin Costner an: Der zweifache Oscarpreisträger, inzwischen 63 Jahre alt, steht geradezu synonym für die Renaissance des lange dahingesiechten Westerngenres. Von seinen Regiearbeiten „Der mit dem Wolf tanzt“ und „Open Range – Weites Land“ bis zum gefeierten Dreiteiler „Hatfields & McCoys“ von 2012 verfügt der Kalifornier da über einige Expertise. Es ist also einigermaßen enttäuschend, dass „Yellowstone“ nun so eine räudige Angelegenheit geworden ist: mürrische Typen, gestelzte Dialoge, tonale Unentschiedenheit. Man hätte, das darf man nach den ersten Episoden getrost verkünden, von der Kombi Costner-Sheridan-Linson mehr erwartet als diese arg gemächlich von Gewaltexplosion zu Monolog zu Gewaltexplosion trabende Mixtur aus Spätwestern, „Sons of Anarchy“ und „Denver Clan“.

    Die Ranch, auf der der heuer amtlich zerfurchte Costner in der Serie residiert, liegt im Süden von Montana in der Nähe des Städtchens Bozeman. Sie soll die größte weit und breit und sogar größer als der Staat Rhode Island sein, heißt es einmal, ein eigenes Königreich fast, im Besitz der Dutton-Familie seit der Zeit, in der die Siedler das Land den Ureinwohnern raubten. In Sheridans Erzählgeflecht dient die Dutton-Ranch als Fixpunkt: Zwar ist die Erzählung im heutigen Amerika verortet, doch die Latifundien werden von allen Seiten belagert wie weiland im Wilden Westen. Landentwickler, Indianer, Politiker, Polizisten: Patriarch Dutton kommt nicht zur Ruhe.

    Costner spielt ihn (mit einer beeindruckenden Wechselgarderobe schnittiger Stetsons auf dem Kopf) so grimmig und unwirsch, dass es schwierig ist, irgendeine Art von Sympathie, wenigstens Empathie zu ihm aufzubauen. Schnitzend sitzt er am Kamin seines Herrenhauses, dann wieder lässt er sich im Heli zum nächsten Meeting fliegen: Er ist ein dominanter Typ, aber auch ein gebrochener Mann. Gattin Evelyn starb vor Jahren, jetzt bleibt ihm nur der zweitälteste Sohn Lee (Dave Annable aus „Brothers & Sisters“). Der verwaltet die Ranch mit, lässt aber Führungsqualitäten vermissen. Die gegenseitige Annäherung geht kaum weiter als bis zur nächsten gemeinsamen Geburtshilfe für eine im pittoresk wehenden Präriegras gestolperte Kuh.

    Missratene Sprösslinge, Teil 1: Anwealt Jamie (Wes Bentley) und Bankerin Beth (Kelly Reilly)

    Dutton hat noch drei weitere Sprösslinge: Die beiden älteren, Beth und Jamie, haben der Ranch zu Johns Verdruss den Rücken gekehrt, um in der Stadt zu leben. Beth (die Britin Kelly Reilly, die neulich noch mit Wallemähne durch „Britannia“ galoppierte) wird als ultraharte Bankerin eingeführt. Den Rest der ersten Folgen verbringt sie mit sarkastischer Herablassung jedem gegenüber, der ihren Weg kreuzt. In einer besonders beknackten Szene heult sie buchstäblich mit den Wölfen. Jamie (Wes Bentley aus „American Horror Story“) arbeitet als Anwalt und setzt dabei das Recht der Familie durch. Weil er erst um 9 Uhr aufsteht, sich die Haare kämmt, Anzüge trägt und mit Ende dreißig noch keine Partnerin vorzuweisen hat, gilt er im Dutton-Umfeld als mindestens schwul, also missraten. Der jüngste Sohn, Ex-Elitesoldat und Pferdeflüsterer Kayce (Luke Grimes aus der „Fifty Shades of Grey“-Trilogie), hat den Duttons sogar noch größeres Leid zugefügt: Er heiratete die Indianerin Monica (Kelsey Asbille aus Sheridans „Wind River“), hat mit dieser einen Sohn (Brecken Merrill) und lebt sogar im angrenzenden „Broken Rock“-Indianerreservat.

    Tatsächlich mündet die spielfilmlange Pilotfolge bereits in einen ausgewachsenen (und im typischen Sheridan-Stil effektvoll inszenierten) Showdown, der sich auch als Staffelfinale gut gemacht hätte. An dessen tragischem Ende ist ein überraschendes Opfer zu beklagen, und die Situation sortiert sich besonders für Kayce völlig neu. Er, der mit einem Bein noch auf der Ranch steht und mit dem anderen, längeren, im Indianerlager Wurzeln geschlagen hat, steht mitten drin im zentralen Konflikt: Rancher Dutton fühlt sich als Opfer, bedroht von Neuankömmlingen „aus der Stadt“ wie dem öligen Dan Jenkins (Danny Huston aus „Der ewige Gärtner“) von der „Paradise Valley Capital Development“, der der Ranch mit aggressiven Bauprojekten auf die Pelle rückt, ironischerweise aber auch von denen, auf dessen ursprünglichem Land er es sich selbst gemütlich gemacht hat: den Native Americans aus „Broken Rock“ nämlich, mit denen er wegen ein paar übergelaufener Kühe in einen blutig eskalierenden Streit gerät. Gil Birmingham spielt Thomas Rainwater, den großspurigen neuen Häuptling des Reservats, ein Casinobesitzer obendrein, der den Bleichgesichtern das Geld aus den Taschen ziehen will und es vor allem auf Dutton abgesehen hat.

    Missratener Sprössling, Teil 2: Sohn Kayce (Luke Grimes) und Ehefrau, die Indianerin Monica (Kelsey Asbille)

    Mit der ermüdenden Detailversessenheit eines Katasterbeamten wird die Ranküne um diese Grenzstreitigkeiten geschildert (um den nahegelegenen Yellowstone-Nationalpark soll es später auch noch gehen), in der die Politik eifrig mitmischt: Gouverneurin Perry (Wendy Moniz, „The Guardian – Retter mit Herz“) setzt auf Dutton, Senatorin Huntington (Jill Hennessy, „Crossing Jordan“) auf Rainwater. Wichtigstes Symbol dabei ist der Zaun, der Ranch, Reservat, Park und Neubaugebiete trennt und Anspruchsräume markiert. Duttons Linie ist dabei stets autoritär: „Der Fortschritt braucht keine Erlaubnis“, sagt mal jemand zu ihm. „Doch, in meinem Tal braucht er das“, entgegnet Dutton. Die naheliegenden Verweise auf die amerikanische Abschottungspolitik unter Präsident Trump, auf dessen Mauer- und Zaunprojekte, verkneift sich „Yellowstone“ bis dato.

    Im Mittelpunkt der Erzählung stehen, neben den kriminologischen Verwicklungen, die der frühe Showdown nach sich zieht, die Verwicklungen rund um die Ranch, die auch auch von allerhand Cowboys und sklavengleich gehaltenen ranch hands bevölkert ist. Ein kleinkrimineller Tunichtgut (Jefferson White) wird von John per Zwangsrodeo eingenordet, als Johns Mann fürs Grobe dient Rip Wheeler (Cole Hauser aus „2 Fast 2 Furious“, „Rogue“), der allen neuen Angestellten der Ranch ein großes „Y“ auf die Brust brutzelt und auch vor Mord nicht zurückschreckt. Von Gelegenheitsbettgefährtin Beth muss er sich dennoch despektierliche Aussagen über seine Penislänge anhören.

    Aber immerhin die Natur ist schön …

    Immer wieder überschreitet die Serie die selbst gesetzten Ansprüche, ein authentisches Bild der Zustände im US-amerikanischen Mittelwesten zu zeichnen: einerseits in Richtung einer Seifenoper von „Dallas“-Ausmaßen, andererseits in Richtung eines unnötig überzogenen Gewaltkinos: Meth-Labore explodieren und hinterlassen wimmernde Brandopfer, es gibt Unfälle, die nur geschehen, damit grausame Unfallszenarien inszeniert werden können, Tiere werden detailreich totgefahren, überhaupt herrscht pure Gnadenlosigkeit. Fast jede Figur muss ständig die eigene toughness unter Beweis stellen, was zur Folge hat, dass man sie eigentlich alle nicht mag, diese Mörder, Betrüger und Me-First-Reaktionäre und ihren Spottblick auf Bio-Eisdielen und andere, verdammungswürdige Insignien des Urbanen. Es gibt keinen Sympathieträger, mit Ausnahme vielleicht von Kayce – doch selbst dieser wildmähnige Pferdefreund liebäugelt schon bald desillusioniert mit einer Rückkehr ins Elitensoldatentum.

    Sheridan ist bekannt für sein kluges, ungeschöntes Ausbuchstabieren heutiger Maskulinitäten, doch in „Yellowstone“ wähnt man sich bisweilen wie in einem ollen Steven-Seagal-Reißer: Ständig sieht man virilen Kerlen zu, die sich bedeutsam dröhnende Sentenzen an den Kopf werfen, beim Shoot-Out, auf der Viehauktion, vor der Schwitzhütte oder beim Fliegenfischen: Die „Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss“-Ethik des Westerns wird zielsicher in den Kitsch getrieben. Auch erscheint dieser Testosteron-Trip sonderbar ungebrochen und prätentiös, vom eigenen, heiligen Ernst besoffen, ausagiert von lauter eindimensionalen Figuren. Humor gibt es fast keinen in dieser Serie, in der stattdessen eine forcierte Grimmigkeit dominiert, die durchaus auf den Zeiger geht. Das ist durchaus ein wenig schade, denn optisch macht „Yellowstone“ jede Menge her: Die on location in Montana (und Utah) gedrehten Außenaufnahmen von „Wind River“-Kameramann Ben Richardson, die spektakulären Helikopterfahrten über die karge Prärie sind fast zu schön für kleinere Bildschirme. Endgültig verwerfen sollte man „Yellowstone“ trotz des mühsamen Beginns ohnehin noch nicht: Als Autor und Regisseur ist Sheridan weit mehr zuzutrauen als das, was in den ersten drei Stunden zu sehen ist. Wer weiß, was da noch kommt.

    Dieser Text basiert auf der Sichtung der ersten beiden Episoden von „Yellowstone“.

    Meine Wertung: 3/5


    © Alle Bilder: Paramount Network

    „Yellowstone“ wurde vom jungen Sender Paramnount Network als Prestigeprojekt gestartet – inklusive Megagehalt für Kevin Costner und teuren Drehs an Naturschauplätzen. Die zehteilige erste Staffel läuft seit Mitte Juni in den USA. Eine deutsche Heimat für die Serie ist noch nicht bekannt.

    Trailer zu „Yellowstone“

    04.07.2018, 17:30 Uhr – Gian-Philip Andreas/blandcoconstruction.com

    Über den Autor

    Gian-Philip Andreas
    Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für blandcoconstruction.com rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 ("Lonely Souls") ­- gefolgt von The Sopranos S03E11 ("Pine Barrens"), The Simpsons S08E23 ("Homer's Enemy"), Mad Men S04E07 ("The Suitcase"), My So-Called Life S01E11 ("Life of Brian") und selbstredend Lindenstraße 507 ("Laufpass").

    Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation

    Kommentare zu dieser Newsmeldung

    • xena123 (geb. 1987) am 09.07.2018 07:38

      Mit der Seifenopercharakterisierung einer dünnen Story war ich eigentlich raus, aus der Serie.
      Dann aber schwenkte der Autor so verbissen herum, in eine ideologische Verletztheit, dass man den Grund des Verrisses zu erkennen glaubt. Ihm gefällt so ein hartes Männerdrama rund um Trumpwähler nicht, die sich über Moccacinolattetrinkende Hipster und Bisexuelle Sozialpädagogen lustig machen. Er kannmit dem Urmann, der nicht 12 Stunden täglich für Frauen- oder Farbigenrechte demonstriert und sich die anderen 12 Stunden nicht öffentlich seines Geschlechts schämt nicht besonders viel anfangen und wird deshalb sicherlich kein Fan von wortkargen Westerntypen, für die Gewalt immer ein Bestandteil der Menschheit sein wird und die auch mal tun müssen, was getan werden muss.
      Ich war eigentlich schon raus.
      Jetzt werde ich mir das wohl ansehen müssen...!
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      • Sentinel2003 (geb. 1967) am 05.07.2018 17:07

        Also, da stören dem Autor anscheinend schon sehr stark die Action - Szenen ;-)....mir haben die Trailer verdammt gut gefallen!! Was ist denn schlimm daran, mal eine Serie zu haben mit Costner a la DALLAS plus viel Action....DAS ist doch mal was völlig anderes....:-)
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